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Texte und Photos / Kann Spuren von Sinn enthalten

Jede Generation fragt wieder neu

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Neulich ein Interview mit einem »Wendekind«, einer jungen Frau, die 1990 zehn Jahre alt war und jetzt ein Buch geschrieben hat, in dem sie ihre Wendeerfahrungen schildert/verarbeitet. Die Interviewerin fragt, was ihre Eltern zu dem Buch sagen, ob sie sich mit den Eltern über deren Leben in der DDR unterhalten hat. Hat sie und auch die Frage gestellt, wie sie, die Eltern, das denn alles mitmachen konnten; sie hätten doch gewusst, was da so alles schief läuft und welche Grausamkeiten im Namen des Sozialismus begangen wurden.

Diese Frage (sinngemäß) wurde auch der Generation gestellt, die ihr Leben im sog. Dritten Reich gelebt hat; damals, in den Sechzigern mussten sie sich das beantworten. Beide Generationen konnten es nicht legitimieren, dass sie nicht gegen das jeweilige Regime aufgestanden sind, das sie sich nicht verweigert haben. Das Leben hat sich so ergeben, könnte man als Begründung sagen. Eine Entschuldigung ist das nicht.

Was werden wir gefragt, irgendwann? Unrecht, Grausamkeiten, vergleichbar mit dem, was im Dritten Reich oder der DDR geschah, sind in der Bundesrepublik glücklicherweise nicht zu beklagen. Aber können wir den Fragen künftiger Generationen entspannt entgegen sehen? Welche Fragen könnten uns gestellt werden?

      Warum habt ihr nichts gegen den Hunger in der Welt getan?
      Warum habt ihr nichts gegen Folter in der Welt unternommen?
      Warum habt ihr zugelassen, das spätere Generationen mit eurem Wohlstandsmüll belastet werden?
      Warum habt ihr nicht früh genug etwas gegen den umweltzerstörenden Individualverkehr unternommen?

Dies wären nur ein paar mögliche Fragen; es gibt noch mehr, viel mehr. Unsere Antworten darauf werden genauso hilflos sein, wie die Antworten der früheren Genrationen auf die Fragen zu deren Mitläuferschaft.

Die Toten können sich nicht wehren

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Viele Denker und ihre Denkergebnisse werden später, nach ihrem Tod, missbraucht, missbraucht aus vielerlei Gründen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele: Karl Marx, Friedrich Nietzsche seien genannt.
Schlimm ist es, wenn durch den Missbrauch eine Rückwirkung entsteht. Dies bleibt Adorno hoffentlich erspart – wieso Adorno? Hierzu siehe die Diskussion um Thea Dorn bei Klaus Baum und Feynsinn:

Die Aufregerin …
Noch einmal zu Thea Dorn
Ist Thea Dorn jetzt größenwahnsinnig? Sei meint: Den Sozialstaat schaffe ich auch noch.
Thea Dorn und Kafkas Josefine
Thea Dorns gestammeltes Neusprech

Fragmente [26]

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Wird jemand »unverschuldet« arm, haben wir Mitleid; ihm wird geholfen, manchmal widerwillig. Dem »Wiederholungstäter« wird die Hilfe irgendwann versagt.
Wird jemand »unverschuldet« reich (dann sagt man »unverdient«) wird er beneidet, obwohl er es nicht verdient hat. Ihm müßte auch geholfen werden, indem man ihm von einem Großteil seines Reichtums entlastet, den er ja nicht verdient hat.

Der Übergang von der Seele und den Leidenschaften zu Gefühlen

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Eva Illouz (Professorin für Soziologie und Anthropologie an der Hebräischen Universität in Jerusalem) zu Seele, Gefühle und wie die Psychologie in den Markt integriert wurde, um Mitleid und Zorn rentabel zu machen.

Wie leitet man Menschen zur Arbeit an, um das Meiste und Beste aus ihnen herauszuholen? Hatten die Vorarbeiter in kleinen Fabriken zuvor zu verschiedenen Formen von Gewalt gegriffen, um die Arbeiter zur Ausführung anstrengender oder schwieriger Tätigkeiten zu bringen, lehrten die Psychologen jetzt emotionale Beherrschung.

Zum kompletten Artikel von Eva Illouz:
Standardgefühle

Fragmente [25]

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Die Begründung, die Entschuldigung für eine Handlung lautet ab und an: »Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein Anderer getan.«. Schön wäre: »Wenn ich es nicht tue, macht es vielleicht auch ein Anderer nicht.«

Warum schweigt die schweigende Mehrheit?

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Immer wieder lese und höre ich von der sog. schweigenden Mehrheit. Nur eine Minderheit artikuliert sich und hält den Laden am Laufen. In Griechenland haben z.B. ca. 100.000 Menschen gegen den Sparkurs demonstriert (Einwohner: ca. 10,8 Mio.). Das Verhältnis der Demonstranten in Ägypten zur Einwohnerzahl dürfte mindestens ähnlich sein.
Bei solchen Zahlen fällt mir das Paretoprinzip ein, obwohl dieses Prinzip von einer 80:20-Verteilung ausgeht und somit viel optimistischer hinsichtlich der Menge der wesentlichen Minderheit ist. Die Berechtigung einer Anwendung des Paretoprinzips auf gesellschaftliche Vorgänge und Kräfteverhältnisse ist sicher zweifelhaft, wenn nicht gar weit hergeholt, aber auch hier zeigt sich, das eine Minderheit (egal, wie hoch die prozentualen Verhältnisse sind) der Beweger, der Änderer ist. Die Frage, die ich mir stelle: Warum schweigt die schweigende Mehrheit?

Sich etwas schön schreiben

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kann man, wenn man will. Und dabei ist dann kein Haken zu scharf, um nicht geschlagen zu werden, wie Karen Horn (s.u.) in der FAZaS zeigt.

Es geht um Luxus, der die Wirtschaft antreibt, darum, dass die Reichen immer mehr haben wollen, damit den Erfindergeist wecken und somit die industrielle Revolution ermöglichen, von der dann die Armen profitieren. Kurz und knapp: Ohne Reiche ginge es den Armen noch schlechter.
(weiterlesen …)

Greenwashing – Das neue Bewusstsein ist nur eine Fassade

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Sina Trinkwalder, als “Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit” geehrt, 33, gelernte Werberin, ist Gründerin und Geschäftsführerin des ökosozialen Augsburger Kleidungsherstellers Manomama, der laut eigenem Anspruch nicht nur umweltbewusst produzieren will, sondern fair bezahlte Näherinnen am Standort Augsburg beschäftigt. Aus ihrer Preisrede:

Das eigentliche Problem ist der Verzicht in Form von Rationalitätsaskese. Der Verzicht, sich ernsthaft mit den Problemen der heutigen Zeit auseinanderzusetzen und echte Ideen für eine tragfähige Zukunft zu entwickeln. Der Konsument gibt sich kritisch und weiß um seine “Macht”. Das macht jedoch nichts, weiß wiederum die Industrie. Zu leichtgläubig nämlich agiert der Kunde in seiner wahllosen Öko-Sehnsucht. Sie ermöglicht eine Oberflächlichkeit, die der Wirtschaft ihr Geschäft ungemein erleichtert: Ein Unternehmen muss nicht das Richtige tun, es muss nur richtig aussehen.
Der wegen des Klimawandels sensibilisierte Konsument belohnt ausgeklügelte Scheinlösungen, angepriesen als ökologische Innovation. Dieser gefährliche Stillstand der Weltverbessererwirtschaft verhindert eine kritische und visionäre Auseinandersetzung mit einer zukunftsoffenen und sinnvollen Wertschöpfung. Genau diese aber ist notwendig.

Mehr als 300 Bücher

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»Angela Wittmann liest im Jahr mehr als 300 Bücher für BRIGITTE« heißt es auf Seite 100 der BRIGITTE 21/2011.
Wie man es schafft, mehr als 300 Bücher im Jahr zu lesen (die Bücher – nicht nur den Klappentext oder die Verlagsvorgabe) ist mir ein Rätsel – aber sie liest sie nicht nur, sondern sie gibt auch noch Bewertungen ab. Wenn ich aber lese, was Frau Wittmann zu dem neuesten Buch von Jan Costin Wagner (»Das Licht in einem dunklen Haus«) schreibt, ist mir klar, wie das »lesen« aussieht:
»Jan Costin Wagner ist Deutscher, mit einer Finnin verheiratet und schreibt die besten Skandinavien-Krimis. ‘Das Licht in einem dunklen Haus’ ist der Beweis.«
Das war es, mehr kommt dazu nicht – ist schon eine fulminante Rezension!

Bezeichnen entbindet von Verstehen

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Nichts beunruhigt uns Menschen mehr, als das Nichtverstehen. Ist etwas neu, tritt etwas auf, mit dem wir bisher nicht konfrontiert wurden, sind wir froh, wenn jemand schnell eine Bezeichnung dafür findet, mit der wir etwas anfangen können, das die Beunruhigung beendet. Terrorakte werden zur Normalität, wenn sie dem Islam zugeordnet werden können. Das haben wir schon hundert-, ja tausendmal gelesen und gehört und es beunruhigt uns nicht mehr, als Sonnenauf- und -untergang.
Ähnlich sieht es mit der Bezeichnung »Wutbürger« aus. Ob Stuttgart, Tunesien, Spanien oder Israel – alles Wutbürger. Eine Beschäftigung mit den speziellen Hintergründen ist damit obsolet und es ist einfach, zur Tagesordnung überzugehen.
Ein banaleres Beispiel: Mario Götze spielt einen Fussball, wie wir ihn von deutschen Fussballern nicht gewohnt sind. Mit der Bezeichnung »Götzinho« ist geklärt, warum dies so ist. Man muss sich nicht mit einer Erklärung beschäftigen. Er ist halt der bessere Brasilianer.