Sich etwas schön schreiben

kann man, wenn man will. Und dabei ist dann kein Haken zu scharf, um nicht geschlagen zu werden, wie Karen Horn (s.u.) in der FAZaS zeigt.

Es geht um Luxus, der die Wirtschaft antreibt, darum, dass die Reichen immer mehr haben wollen, damit den Erfindergeist wecken und somit die industrielle Revolution ermöglichen, von der dann die Armen profitieren. Kurz und knapp: Ohne Reiche ginge es den Armen noch schlechter.

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war der Übergang von der Handarbeit zur maschinellen Massenproduktion in Gang. Es entstand eine ungekannte wirtschaftliche Dynamik. Verarmte Kleinbauern zogen in die rapide wachsenden Großstädte und verdingten sich dort unter, wie man heute sagen würde, prekären Umständen. Im Ergebnis wurden die Verhältnisse in Europa umgewälzt. Kapitalismus und Demokratie ergänzten Vernunft, Fortschrittsglauben und Säkularisierung als politisches und geistiges Erbe der Aufklärung; es entstand der moderne Staat. Die Welt befand sich nun in der Moderne.

Eine phänomenale Zusammenfassung einer Zeit schärfster Ausbeutung. Aus verarmten Kleinbauern wurden verarmte Arbeiter, die unter unwürdigen Umständen ihr Leben fristen mussten.

Und es brauchte freien Welthandel, um die erstrebten Luxuswaren heranzuschaffen, zunächst vor allem Gewürze, Farbstoffe, feine Tuche und Schmuck.

Mit anderen Worten: Kolonisation und Raub in den Ländern Afrikas, Asiens und Amerikas. Dies mit »freien Welthandel« zu umschreiben, zeugt von Geschichtskenntnis.

Dieser Wettlauf wurde zum Schwungrad des Fortschritts. Die Reichen sind mit ihrem Konsum Vorreiter, setzen Maßstäbe, bereiten den Weg. Friedrich August von Hayek hat dies auf den Punkt gebracht, als er 1960 in seiner „Verfassung der Freiheit“ schrieb, „dass in jedem Stadium des Fortschritts die Reichen, indem sie mit neuen Lebensstilen experimentieren, die den anderen noch unzugänglich sind, einen notwendigen Dienst erfüllen, ohne den der Fortschritt der Armen viel langsamer wäre“. Der Akzeptanz dieser Erkenntnis steht nur unser Neid im Wege. Doch auch der Neid, sofern er sich in Streben und Nachahmung übersetzt, ist eben eine Schwungfeder des Kapitalismus.

Also – pflegen wir die Reichen, denn ohne sie wären wir arm dran! Um den »Fortschritt der Armen« zu beschleunigen, sollte es insoweit mehr Reiche geben. Freiwillige vor! Oder machen wir doch die Armen zu etwas Reicheren, indem die Reichen den Armen etwas von ihren Reichtum abgeben.
(Fraglich ist, ob der von von Hayek angesprochene »Fortschritt« wirklich als Fortschritt bezeichnet werden kann.)

(Karen Horn leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln)

2 Kommentare

  1. genova

    Danke für diesen Artikel. Das gleiche dachte ich mir gestern beim Lesen auch. Ein einziger PR-Artikel des Kapitals. Und das in eine Zeit, in der die Schere immer weiter aufgeht und der immer verschärftere Konsum ja auch ökologisch bedenklich wird.

    Wahnsinn, wer in solch einer Zeitung alles unwidersprochen schreiben darf.

    Antworten
    1. HF Beitragsautor

      Es ist im Grunde eine Verhöhnung der Armen bzw. der Nichtreichen, was ja fast 99% trifft. Bemerkenswert, in welcher Offenheit dies dargestellt wird.

      Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *