Wie bin ich auf dieses Buch [1] gestossen? In einer Buchhandlung sicher nicht. Bücher aus dem Verbrecher Verlag habe ich bisher dort auch noch nicht gesehen. Sicher ein Hinweis in einer Zeitung, im Web? Letztlich auch egal, mir zumindest. Der Autor sagte mir nichts; erstaunt war ich dann, als ich las, dass es sich bei Chaim Noll um den Sohn von Dieter Noll handelt, den ich aus meiner Jugend noch in Erinnerung hab.

Der Verlag schreibt über das Buch:
»Feuer«, Chaim Nolls neuester Roman, beschreibt eine Gruppe verschiedener Menschen, die nach einer Katastrophe zusammenfindet. Sie werden durch das Unglück nicht zusammengeschweißt – es gibt Missgunst, Hinterhältigkeiten, Drohungen. Dennoch müssen sie sich gemeinsam auf den Weg machen, um aus dem Katastrophengebiet herauszukommen, Rettung scheint nicht in Sicht, die Medien schweigen …
Ungemein spannend schildert Chaim Noll den Weg dieser Gruppe durch eine Gefahrenzone, zugleich bietet ihm das Thema die Möglichkeit, unsere heutige Medienwelt und das Miteinander der Menschen zu hinterfragen. »Feuer« ist ein ebenso kluger wie mitreißender Roman, den die Leserinnen und Leser so schnell nicht wieder aus der Hand legen werden.
Diese Kurzfassung läßt eine Art Thriller erwarten; so kann man das Buch auch lesen, aber – und das spricht für das Buch – dem wird dieses Buch nicht gerecht. In dieser Richtung gibt es andere Bücher mit ähnlicher Story, die der Thrillererwartung sicher eher gerecht werden.
Ich sehe den Kern des Buches in dem Plädoyer gegen das Verfälschen und Vergessen des Geschehenen – ob jetzt geschehen oder in der Vergangenheit. Die Menschen in »Feuer« müssen feststellen, dass es die Katastrophe offiziell nicht gibt, nicht gegeben hat. Wer das nicht akzeptiert, wird für krank erklärt und »behandelt«. Eine der Personen, Frau Silberblick, erinnert das an den Umgang mit dem Holocaust, der ja auch immer wieder geleugnet oder verfälscht dargestellt wird. Die Wenigen, die nicht resignieren, wollen alles aufschreiben, damit es nicht vergessen wird, denn es ist Teil ihres Lebens.
Die Euphorie eines der Protagonisten hinsichtlich der Bedeutung digitaler Geräte für die Erinnerung, die Demokratie, die sich hier ausdrückt [2]:
Damit wäre bewiesen, was viele Kritiker des technischen Fortschritts übersehen: dass die Durchdringung der Gesellschaft durch High-Tech-Geräte das komplexe Ursache-Wirkung-System sozialer Vorgänge auf eine neue Ebene hebt, dass diese Geräte nicht nur Konsumobjekte sind, materieller Ausdruck eines bisher undenkbaren Hochstands innergesellschaftlicher Kommunikation, sondern dass sie weit mehr evozieren: eine neue Qualität gesellschaftlicher Wahrhaftigkeit. Soziale Strukturen zeichnen sich ab, in denen Fehlinformation, Unwahrheit, Irrtum mehr und mehr unmöglich gemacht oder wenigstens in ihren für die Gesamtheit gefahrvollen Wirkungen eingeschränkt werden, indem man Lüge und Wahrheit klar trennen, jeweils als solche nachweisbar machen, das Subjektive dieser Kategorien objektivieren, das Willkürliche individuellen Denkens in seinem Verwirrung stiftenden Relativismus begrenzen, diesen Relativismus selbst verifizieren kann.
…
Das Verdunkeln und Verschleiern von Geschehen wird immer weniger möglich. Schon heute ist alles, was sich ereignet, potentiell öffentlich.
…
Es ist nicht übertrieben zu sagen, das wir mit Hilfe der neuen Technologien den Weg zu allumfassender Wahrheitsfindung, folglich zu allgemeiner Gerechtigkeit einschlagen können….
wird bitter revidiert. Trotz Digitalkameras, Handys wird die Wahrheit unterdrückt. Im Roman eindrucksvoll geschildert, halte ich diese totale Unterdrückung aber heute nicht mehr für möglich. Die Menschen, die aus dem Katastrophengebiet kommen, kann man sicher in einer Art Lager so behandeln, dass sie glauben, dass das, was sie erlebt haben, nicht geschehen ist. Aber heute wäre es nicht mehr möglich, ein derartiges Geschehen so total auszulöschen. Heute vergisst sich das von selbst – nach einem mehrwöchigen Medienhype (max. 4 Wochen), wenden sich die Medien einem anderen Thema zu, was für das bisherige Topthema quasi das Nichtgeschehen bedeutet. Vielleicht meint Chaim Noll dies?
Dem Roman liegt eine stark pessimistische Einstellung zugrunde. Die Protagonisten machen dies immer wieder in ihren Äußerungen deutlich.
Wir wissen auch, dass sich die Katastrophen nicht mehr abwenden lassen. Also hat es auch keinen Sinn mehr, zu enthüllen, zu analysieren, anzuklagen. Sicher gibt es Schuldige, die zur Verantwortung gezogen werden müssen, doch ist die Gesellschaft überhaupt noch imstande, herauszufinden, welche Vernachlässigungen, welches Vergehen oder Verbrechen einem Zwischenfall zugrunde liegt?[3]
oder
Das Dilemma der Mehrheitsgesellschaft. Wie jede Form menschlichen Zusammenlebens hat auch Demokratie einen grundsätzlichen, entscheidenden Defekt. Schon als Schulkinder erleben wir, dass die dümmeren Mitschüler in der Mehrheit sind. Dass sich die Klügeren auf das Level der Dümmeren einstellen müssen. Nicht umgekehrt. Dass die Dümmeren die Klügeren überstimmen, überschreien. Dass die Mehrheit oft im Unrecht ist, zum Übermut neigt, zur Panik, zur Grausamkeit, zum Missbrauch ihrer durch Vielheit erzeugten Macht.[ ....] Das die Idee der Aufklärer, dort, wo Gott, König und Stände abgeschafft sind, regiere die Vernunft, ein volontée generale, das kluge Wollen des befreiten Menschen, nichts anderes war als eine Illusion.[4]
Zurück zum König? Es bleibt offen.
Oder noch pessimistischer, resignierter:
»In Zeiten, in denen die Menschen ohnehin Schwierigkeiten haben, sich selbst und ihresgleichen zu achten und zu lieben«, hört er Holthusen sagen, »sollte man sie nicht noch mit Wahrheiten konfrontieren, die sie immer tiefer in Unglauben und Verzweifelung stoßen. Wir sind sterbliche Wesen, begrenzt in Zeit und Aufnahmefähigkeit, wir verkraften nicht alles, auch nicht die Wahrheit. Was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Und kein Mensch kann verhindern, dass morgen ähnliches geschieht. Dazu ist es zu spät. Nur die Liebe gibt uns die Kraft, mit dem Schrecken fertig zu werden.« [5]
Erinnert mich an den Großinquisitor bei Dostojewski.
Ein Buch, ein Text zur Zeit, trotz der Fiktion. Lesen, wer es noch nicht getan hat.
[1] Feuer, von Chaim Noll, Erste Auflage, 384 Seiten, Verbrecher Verlag, ISBN: 978-3-940426-64-2
[2] S. 192
[3] S. 326
[4] S. 327
[5] S. 365